Hinweis: Folgender Artikel ist ein Gastbeitrag, der dem Ikonenkalender 2010 (c) Photon-Verlag entnommen wurde.
"Jetzt sehen wir wie durch einen Spiegel rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht."
1Kor 13,12
Liebe Kunstfreunde,
manche Ereignisse des Zeitgeschehens finden besondere Beachtung in der Öffentlichkeit. So blickte beispielsweise
am 1. Februar 2009 alle Welt medial nach Moskau. Viele Fernsehkanäle berichteten von der Amts einführung des neuen russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. (Gundjajev), Patriarch von Moskau und ganz Russland. Manche Sender übertrugen die großartige Zeremonie sogar live. Ein prachtvoller Gottesdienst fand in einer ebensolchen Kathedrale statt. Schauplatz von Wahl und Inthroni sation war die wieder errichtete Christi-Erlöser-Kathedrale (1995–2000) hoch über dem Ufer der Moskwa.
Die jetzige Kirche ist dem ursprünglichen Bau (1839–1883) des Architekten Konstantin Andrejewitsch Thon (†1881), der 1931 auf Befehl Stalins gesprengt worden war, sowohl von seinem Äußeren als auch in seiner Raumausstattung weitgehend originalgetreu nachempfunden. Für den Wiederaufbau war es notwendig, soweit vorhanden, auf alte Entwürfe und Skizzen zurückzugreifen. Diese wurden ergänzt durch Erinnerungen von Zeitzeugen und zahlreichen Fotographien der alten Kathedrale, die in Archiven schlummerten.
Wenn auch die Architektur auf dem traditionellen, byzantinisch-russischen Typus einer mit fünf Kuppeln ausgestatteten Kreuzkuppelkirche basiert, so ist die Innenausstattung doch ganz dem Stil des 19. Jahrhunderts verpflichtet, den man in Russland den Akademischen nennt. Gleich den Nazarenern im Westen zeigen die Arbeiten einen romantisch-religiösen Realismus, ergo eine Dreidimensionalität, welche der Bildtheologie des Ostens widerspricht. Der traditionelle Malstil orientiert sich jedoch an strikter Zweidimensionalität. Diese besondere bzw. umgekehrte Perspektive zielt auf die Darstellung selbst.
Es stellt sich die Frage, ob der Akademische Stil eine Entartung der an strenge kanonische Regeln gebundenen Sakralkunst der orthodoxen Kirche ist oder ob es sich um eine legitime Weiterentwicklung dessen handelt, was man byzantinische Ikonographie nennt? Darüber streiten sich die Gelehrten (vgl. F. Busslajev, G. Filimonos, V. Lossky, P. Muratov usw.). Auch viele Kunstexperten und Ikonenliebhaber unserer Tage schauen mit kritischem Blick auf jene Stilepoche.
Unbestreitbar liegen die Wurzeln christlicher Sakralkunst Russlands in Konstantinopel. Von dort rief Großfürst Vladimir Missionare in sein Reich. Im Jahr 988 wurde die Taufe der Kiever Rus’ vollzogen, wurde das Christentum Staatsreligion. Neben Priestern, Mönchen und Theologen kamen auch Architekten und Künstler an den Dnjeper. Die ersten Fresken und Ikonen wurden von griechischen Meistern geschaffen. Die Neubekehrten erlernten jedoch schnell die Kunst der Temperamalerei und machten sich diese zu Eigen. Gleich, ob es sich um Werke von Griechen oder gräzisierenden Slaven handelt, stets zeugt die frühe Kiever Kunst von ihrer Verbundenheit mit der Kaiserstadt am Bosporus (M. Zibawi). Daraus folgt aber noch nicht, dass die russische Ikonenmalerei einfach ein Neben zweig der byzantinischen wäre. Lange Zeit befand sie sich tatsächlich im Gravitationsfeld derselben. Doch während die Kunst von Konstantinopel in ihrem Macht bereich noch immer den Stil der Paläologen nachahmte, begann im Russland des 12. Jahrhunderts eine Emanzipation von derselben. Die über mehrere Jahrhunderte hinweg ausgebildeten lokalen Merkmale gewannen allmählich eine neue Qualität mit dem Gepräge nationaler Eigenart. Das war ein langandauernder Prozess, dessen chronologische Grenzen nicht genau zu bestimmen sind (V. Lazarev). Einige historische Fakten aber beeinflussten mit Gewissheit die Weiterentwicklung der russischen Ikonographie.
Am 6. Dezember 1240 wurde Kiev von Mongolischen Horden unter Batu Khan verwüstet. Das politische und kirchliche Zentrum Russlands und somit auch das des künstlerischen Schaffens verlagerte sich mehr und mehr nach Norden. In Novgorod zum Beispiel arbeiteten im 13. und 14. Jahrhundert haupt sächlich Griechen und Serben in Malerateliers. Die byzantinische Verwurzelung verhindert jedoch nicht die Entstehung eines eigenen Malstils, die sogenannte Novgoroder Schule. Analoges ist aus Jaroslawl, Pskov, Rostov, Susdal, Tver und Vladimir zu berichten. Als Anfang des 14. Jahrhunderts Moskau eine Vorrangstellung unter den Fürstentümern erringen konnte, strömten Kunsthand wer ker aus allen Gegenden Russlands dorthin. Das tiefe religiöse Leben der neuen Hauptstadt besaß eine innere Verwandtschaft zum athonitischen Hesychiasmus, die sich auch in den Werken der entstehenden Moskauer Schule in brillanter Weise wiederspiegelt.
Konkurrenzlos stehen die Namen Feofan Grek, Andrej Rublev, Daniil Tschornij und Meister Dionisij für die Hochblüte russischer Ikonenmalerei. Ein charakteristisches Merkmal ihrer Werke besteht in der Klarheit der Komposition. Ikonen didaktischen Inhalts mit komplizierten Allegorien sucht man vergeblich. Als Bulgarien und Serbien ihre Unabhängigkeit verloren und Byzanz 1453 von den Osmanen erobert worden war, blieb die Rus’ das einzig orthodoxe Land, in dem die Ikonenmalerei nicht auf die Stufe eines bloßen Handwerks herabsank, sondern hohe Kunst blieb.
Das 15. und mehr noch das 16. Jahrhundert brachten große Veränderungen in der russischen Ikonenmalerei. Mystische Feinsinnigkeit beim Einsatz von Form und Farbe wurden nach und nach durch dekorativen Symbolismus abgelöst. Ausladend erzählfreudige Darstellungen kamen in Mode. An Stelle von kontemplativem Gebet trat nicht selten ästhetische Bewunderung (V. Ivanov). Ikonen hielten Einzug in die Privatsphäre des Volkes und wurden etwas Wesentliches der russischen Frömmigkeit. Die "Ikonenproduktion" stieg derart an, dass bei den kirchlichen Autoritäten berechtigte Besorgnis über das geistliche und künstlerische Niveau der heiligen Bilder entstand. Das Konzil von 1551 sah sich genötigt, direktiv einzugreifen. Ende des 16. Jahrhunderts entstand eine weitere bedeutende Stilrichtung in der russischen Kunst, die Stroganov-Schule.
Der größte Teil der Werke russisch religiöser Kunst stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Neben den traditionellen Schulen kam den sogenannten Zarenmalern, allen voran Simon Uschakov (†1686), die an der Rüstkammer des Moskauer Kremls beschäftigt waren, eine besondere Rolle zu. Durch das Medium des Kupfer stichs hielten westliche Vorstellungen und barocker Habitus Einzug in ihre Werke.
Schließlich ist es dem genialen Wissenschaftler M. Lomonossov (†1765) zu verdanken, dass das alte Kunst handwerk mit seiner Farbsymbolik und Formensprache nicht gänzlich verloren ging! 1760 wandte er sich an die Regierung mit der Petition, man solle doch wenigstens die besten Werke der altrussischen Tafelmalerei für die Nachwelt kopieren. Paradoxer weise führte die vom Staat brachial vorangetriebene Säkularisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts, sowie die Invasion Napoleons zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Rückbesinnung auf die alten, Identität stiftenden Werte. Starzen begannen das Volk
im Glauben zu unterweisen. Es kam zu einer Wiedergeburt von Klöstern und traditioneller Ikonenmalerei.
Diese außerordentlich reiche Epoche stellt die Forschung vor schwierige Aufgaben. Es geht nicht nur darum, das Neue im künstlerischen Stil, sondern mehr noch den radikalen Wertewandel zu erfassen, der durch die Reform Peters des Großen (1672–1725) verordnet wurde und während dieser Zeit in der russischen Gesellschaft erfolgte (V. Ivanov). Ferner gilt zu bedenken, dass die "prinzipielle Westorientierung", trotz Slavophilentums, bis ins 20. Jahrhundert hinein währte. Im akademisch betrieben Kunstschaffen versuchte man durch Veränderung der Formen der neuen Sichtweise der Dinge gerecht zu werden und einen Weg zu finden, der die überlieferten Werte des Christentums aktualisiert zum Ausdruck bringen sollte. Diese Periode fand ihren Abschluss im russischen
Jugendstil unter A. Parland (†1919) und V. Vasnetzov (†1926).
Bereits zur Zeit des Patriarchen Nikon (1606–1681) war es zur Abspaltung der "Altgläubigen" (Raskol) gekommen. Sie bildeten eine mächtige Opposition im
Zarenreich, verweigerten sich jeglicher Reform und hielten streng, um nicht zu sagen starr, an den überkommenen Riten der Liturgie und Praktiken der
Ikonemalerei fest. In den berühmten Werkstätten von Palech und Choluj waren sie anzutreffen, ferner in Nevjansk im Ural. Auch im Malerdorf Mstera arbeiteten hauptsächlich Altgläubige. Ebenfalls wichtige Werkstätten befanden sich in Frolov, im heutigen Estland, in Syzran an der unteren Wolga und im
weißrussischen Vetka. Die Altgläubigen brachten die Ikonenmalerei zu großer Meisterschaft und entwickelten im 18. Jahrhundert eine eigene Feinmaltechnik von ausgezeichneter Qualität. Bei vielen Sammlern hochgeschätzt gelten ihre Werke als Formvollendung russischer Ikonographie!
In der über 1000-jährigen Geschichte christlicher Sakralkunst in Russland kann man resümierend feststellen, dass nichts bleibt, wie es war. Nur der Inhalt
der biblischen Botschaft und der Wandel der Form bleibt konstant!
Der vorliegende Ikonen-Kalender 2010 gewährt einen kleinen Einblick in eine reiche Tradition diverser Malschulen. Mögen Bilder und Texte die Sinne auf das
Wesentliche lenken, auf Christus, "das Licht zur Offenbarung der Heiden und zur Verherrlichung seines Volkes Israel." (Lk 2,32).
Augsburg, am Fest der Begegnung des Herrn 2. Februar 2009
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(c) Bild und Text by Photon-Verlag

